Die Zeit | Schneeschuhwandern

04.03.2026

Auf Schnee schlafen

Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 09/2026.

Wie eine Reihe Entenbabys: die Wandergruppe © Sabine Hess für DIE ZEIT

Alles beginnt damit, dass ich eine E-Mail bekomme, in der ich mit „Lieber Abenteurer“ angesprochen werde. Grundsätzlich identifiziere ich mich eher mit dem „Lieber“ als mit dem „Abenteurer“, aber für solche Feinheiten ist es jetzt zu spät, und ich muss mir eingestehen: Ich habe keine Ahnung, was da vor mir liegt. Ein Bekannter schwärmte mir neulich vor, was für ein Erlebnis es sei, auf einem Berg zu zelten, er sprach von Dankbarkeit, Demut und davon, wie verändert er nach solchen Trips in seinen Alltag zurückkehre. Klang gut. Wollte ich auch gern ausprobieren. Nur war seine Tour im Sommer. Aber warum, dachte ich, so lange warten mit der Demut?

Deshalb liegt um mich herum jetzt Schnee. Er bedeckt die Berner Alpen und das Simmental, er liegt auf den Wanderwegen, die ich mich hinaufschleppen werde: Mit einer Bergführerin und drei anderen Abenteurern will ich heute in die Berge oberhalb von Lenk kraxeln, oben einen geeigneten Ort suchen, an dem wir im Biwak übernachten, und morgen steigen wir wieder ab.

Wir stehen vor dem Auto von Karine Cavallaro, einer Bergführerin des Veranstalters a-hike. Karine strahlt eine beruhigende Unbeirrbarkeit aus, die nur besitzt, wer unzählige Stunden in der Natur verbracht hat. Während wir Schneeschuhe an unsere Wanderschuhe schnallen, erzählen wir, was uns dazu bewogen hat, die Tour zu gehen: Wendy, 56, will lernen, selbstständiger zu sein. Nathalie und Alex, beide 50 Jahre alt, sind miteinander verheiratet, und Nathalie hat Alex den Trip zum Geburtstag geschenkt. „Weil er so gerne in den nächtlichen Himmel schaut“, sagt Nathalie. Ich sage, ich wolle etwas ganz Neues erleben und dass ich noch nie im Biwak geschlafen hätte.

Zum Glück scheint wenigstens die Sonne. Am Himmel sind kaum Wolken, ringsum ragen satt beschneite Berge auf, die mit den spärlichen Bäumen um die Gipfel aussehen wie Männer, die sich nicht eingestehen wollen, dass es vorbei ist mit ihrer Haarpracht. Und so stapfen wir in einer Reihe wie Entenbabys hinter Karine her. Es geht steil bergauf. Die Schneeschuhe sind mit Spikes versehen, die man mit jedem Schritt in den Schnee rammt, um einen sicheren Tritt zu haben. Schon nach wenigen Metern beginne ich zu schwitzen. Immerhin trage ich einen Riesenrucksack auf dem Rücken, in dem mein Schlafsack steckt und außen ein Zelt und ein Lammfell für die Nacht befestigt sind – insgesamt 18 Kilogramm.

©ZEIT-GRAFIK

Die erste Etappe der Wanderung nehme ich fast beiläufig wahr, ich bin viel zu beschäftigt damit, die Bilder zu verdrängen, die mir durch den Kopf ziehen: Ich sehe mich in einem Ötzi-ähnlichen Zustand, zusammen mit der Schlagzeile „Schockgefrosteter Schreiberling geborgen“.

Stumm stapfe ich hinter Karine her. Versuche, mich darauf zu fokussieren, meinen Schuh immer dort zu platzieren, wo sie ihren vor mir abgesetzt hat, damit ich nicht im frischen Schnee einsacke. Dieses Schneeschuhwandern ist wesentlich anstrengender als reguläres Wandern. Es fühlt sich an, als müsste ich mit jedem Schritt meinen Fuß gewaltsam aus dem Pulver reißen.

Friedrich Nietzsche hat mal behauptet, wir seien so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns habe. Da bin ich mir nicht so sicher. Als wir nach etwa zwei Stunden durch ein kleines Waldstück gehen, hört es sich an, als mische sich eine ordentliche Ladung Spott in das Lied der Kohlmeisen. Und ich kann es ihnen nicht übel nehmen. Ich muss ein lächerliches Bild abgeben. Den schweren Rucksack lasse ich inzwischen von einer Schulter auf die andere rutschen und wieder zurück, um für eine Entlastung zu sorgen, die sich nicht einstellt. Ich bin schweißüberströmt. Nur die vier anderen fremden Menschen halten mich davon ab, leise zu wimmern.

(…) zum Artikel von Moritz Hackl hier bitte: Auf Schnee Schlafen